Vergeben heilt die Familie

Ich war acht Jahre alt, als meine Mutter mit einem neuen Mann nach Hause kam. Mein Vater war schon lange tot, also war das keine Besonderheit für mich, dass Mama Freunde hat. Ich begriff eigentlich auch gar nicht, dass es in diesen Beziehungen um mehr ging als einfache Freundschaft. So war ich immer begeistert, denn diese Männer nahmen sich Zeit für mich, spielten mit mir und Mama war glücklich wenn sie da waren. Aber bei diesem Mann war etwas anders. Denn er blieb. Noch heute ist meine Mutter mit ihm zusammen.

Es folgte eine sehr schwere Zeit für ein kleines Mädchen. Denn es war nicht schön zu erleben, wie die Mutter mehr Zeit für ihren Freund hat als für ihre Tochter. Vielleicht ein Jahr später zog er dann zu uns. Und damit begann der Alptraum meines Lebens.

Vaterlos aufgewachsen war ich gewiss kein Engel und ich konnte meiner Mutter ziemlich auf der Nase herum tanzen. Aber trotz allem war ich eigentlich ein ausgesprochen liebenswürdiges, verspieltes und auch braves Kind. Ich wollte Mama keinen Kummer machen, die seit Papa’s Tod sowieso dauernd traurig war. Nun aber war da dieser Mann, mein Stiefvater, der absolut keine Ahnung von Kindern hatte und selbst ziemlich streng erzogen wurde. Er spielte auch mit mir, aber auf der anderen Seite spürte ich seine Abneigung, seine Ablehnung, etwas, das mir damals noch vollkommen unbekannt war.

Wenn ich nicht gehorchte wurde er sehr böse, er schüttelte mich, stiess mich weg und später schlug er mich auch. Manchmal reichte seine schlechte Laune als Grund vollkommen aus, ich musste gar nichts mehr tun. Meine Mutter schrie nur, dass wir aufhören sollten. Sie ging manchmal dazwischen. Sie schimpfte mit mir, selten mit meinem Stiefvater. Ich aber fühlte mich immer ungeliebter.

Als ich zwölf Jahre alt wurde, zogen wir zusammen in ein Haus. Und meine Mutter fing regelmässig an zu arbeiten. Wenn sie nach Hause kam, war sie gestresst und alles war ihr zu viel. Besonders ihre Tochter, die immer nur Unordnung machte. Mein Stiefvater war deswegen immer sehr ärgerlich auf mich und es kam in diesem Haus zu vielen unschönen Szenen.

Dann, zwei Jahre später, bekam ich zwei Geschwister. In meiner immer noch sehr kindlicher Art freute ich mich darauf, denn ich dachte, dass wir dann endlich eine richtige Familie sein würden. Wenn auch mein Stiefvater richtig Vater war, musste der doch Kinder verstehen lernen, dachte ich. Aber statt besser wurde es tausendmal schlimmer. Wegen der Babys war er die ganze Zeit gestresst und genervt und ich bekam alles ab. Ich hatte schon Angst, wenn ich nur seine Schritte hörte. Ich versteckte mich dann zitternd unter dem Bett. Mama liess uns beide nie alleine zu Hause, wenn sie fort ging, musste ich zu den Grosseltern gehen oder bei einer Freundin übernachten.

Meine Mutter kümmerte sich nicht extrem um mich, aber ich durfte ihr doch mit den Kleinen helfen, meinen zwei wunderbaren Brüdern. Ich sang ihnen stundenlang vor, ging mit ihnen spazieren… Dabei fühlte ich mich als Teil der Familie und ich war glücklich. Doch sobald ihr Freund nach Hause kam musste ich ins Zimmer.

Mit der Zeit spitze sich die Lage nur noch mehr zu. Ich tauchte kaum mehr zu Hause auf, ausser zum Schlafen. Fuhr bis spät abends mit dem Rad draussen herum. Weil ich hatte nach einem heftigen Streit endgültig saumässige Angst vor meinem Stiefvater. Dabei hat er mich ernsthaft verletzt und ich habe mich zum ersten Mal wirklich gewehrt. Ich war 16 Jahre alt und warf mit den Eisenbahnschienen meiner Brüder nach ihm. Wir prügelten uns, bis meine Mutter zu mir schrie: „Hör auf, sonst schlägt er dich tot!“ Da hörte ich auf, meine Mutter schubste mich ins Treppenhaus, verschloss die Haustüre und versteckte den Schlüssel. Heulend und blutend lief ich nach draussen.

Von da an träumte ich jede Nacht, wie mein Stiefvater in mein Zimmer kam um mich umzubringen. Ich war nicht mehr ich selbst, ich hatte solche Angst. Selbst in der Schule fiel es langsam auf, die anderen fanden mich komisch und zogen sich zurück.
Früher hatte ich schon versucht, Erwachsenen zu erzählen, was bei uns zu Hause lief. Aber nie glaubte mir jemand. Nie. Mein Stiefvater war ja solch ein sanfter Mensch, der würde keiner Fliege was zu Leide tun…

Doch dann fand ich zu Jesus. Oder besser gesagt, er fand mich. Denn ich habe ihn nicht gesucht, er ist von alleine gekommen um mich aus dem Dreck zu ziehen.
Ich fand den Mut zur Opferhilfe zu gehen. Ich verzichtete aber auf eine Anzeige gegen meinen Stiefvater, denn ich wollte nicht, dass meine Brüder, die er übrigens nie schlug, auch ohne Vater aufwachsen müssen. Ich kam innerhalb weniger Monate von zu Hause weg, ich hätte schon früher gehen können, aber ich hatte Vertrauen, dass nichts mehr passieren würde.

Auf dem Internat konnte ich anfangen wieder normal zu leben. Und zu meinem Schulabschluss war ich bereit dem Mann, der meine Kindheit zur Hölle werden liess, zu vergeben.
Ich musste noch viel mit Gott zusammen aufschaffen, aber er heilte meine Wunden und er heilte meine Familie. Ich konnte alle Schläge, Abneigung, Hass, Angst und Enttäuschung, die ich erlebt hatte loslassen. Ich war frei und auch meine Mutter und mein Stiefvater konnten die Erlebnisse der letzten Jahre ablegen, auch wenn sie keine Christen wurden.

Es ist krass, was Jesus in dieser Familie geschehen liess. Heute, nur anderthalb Jahre nach meinem Schulabschluss, sind wir endlich die Familie, die ich mir als kleines Mädchen gewünscht habe. Vater, Mutter und wir drei Geschwister. Wir essen zusammen, wir spielen zusammen, wir machen zusammen Ausflüge, wir lachen zusammen, wir feiern zusammen, wir reden zusammen und wir teilen Teile unseres Lebens miteinander. Manchmal weine ich noch vor Rührung darüber, was Vergebung alles bewirken kann! Manchmal, wenn ich sehe, wie schön wir es heute haben, denke ich zurück und erinnere mich und spüre, wie ich Friede darüber habe.

Melinda (21), in einem Mail an den Autor.

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