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Freunden vergeben

Wenn Menschen miteinander streiten, dann benehmen sie sich mehr als merkwürdig. Wir wünschen uns echte Beziehungen, Freundschaften, die unser Leben bereichern, in denen wir Liebe empfangen und selbst Liebe weitergeben können. Und doch sind es unsere Freundschaften, die uns die meiste Energie abverlangen und uns oft an den Rand der Verzweiflung treiben. Es fällt uns aber oft gerade in guten Freundschaften sehr schwer, einander zu vergeben. Warum? Weil die Enttäuschung und der Schmerz grösser ist, wenn ein guter Freund an einem schuldig geworden ist. Und doch sind gute Freunde für uns so wichtig.

„Wie oft muss ich vergeben?“

Petrus stellt Jesus also genau die richtige Frage, als er ihn darauf anspricht, wie oft man wohl seinem Bruder vergeben muss. Die Antwort von Jesus ist einfach: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern sieb- zigmal siebenmal (Mt 18,21-22) und erzählt den Jüngern eine Geschichte, die es in sich hat. Einem Mann werden Schulden in Millionenhöhe vergeben und Minuten danach lässt er einen Freund wegen einem winzigen Betrag ins Gefängnis werfen. Wie gehe ich mit der Vergebung um, die mir täglich in Jesus begegnet? Was bedeutet es mir, dass mir vergeben ist? Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, entscheide ich mich, nicht wie der erste Mann zu sein. Ihm wurde eine gewaltige Schuld erlassen aber er selbst war nicht fähig, diese Vergebung an andere weiter zu schenken. In unseren Freundschaf- ten können wir den Unterschied machen, wenn wir von dieser Geschichte lernen. Jesus hat uns alles vergeben, warum sollten wir anderen nicht vergeben!? Dazu braucht es Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Vergebung ist dort zuhause, wo Menschen aus Liebe zueinander „Ja“ sagen, auch wenn schuldig aneinander geworden ist.

Vergebung als Lebensstil

Vergebung ist also keine fromme Pflicht. Vergebung ist ein Lebensstil, zu dem Jesus uns berufen hat. Er hat dir vergeben, obwohl deine Schuld dich für immer verurteilt hätte. Vergebung ist das Ergebnis wahrer Liebe. Und gerade in engen Freundschaften hat Vergebung eine grosse Kraft. Mit Jesus zu leben, bedeutet jeden Tag aus seiner Vergebung zu leben und diese mit anderen Menschen – und vor allem auch mit unseren Freunden – zu teilen. Die Kraft für einen solchen Lebensstil können wir allein nicht aufbringen, auch bei Freunden nicht. Wir sind abhängig von der Vergebung, die wir selbst erfah- ren und deshalb sollten wir uns daran erinnern und erleben, wie Jesus uns vergibt, immer und immer wieder. Sein Grund ist seine Liebe zu uns und es ist seine Liebe, die uns anderen vergeben lässt, auch wenn wir ihnen lieber den Rücken zukehren würden. Nicht umsonst beten wir im „Vater unser“, dass unsere Freunde und Mitmenschen an der Vergebung teilhaben sollen: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern (Mt 6,12).
Als Nachfolger von Jesus leben wir aus der Vergebung Gottes und sind dazu berufen selbst Verge- bung als Lebensstil zu leben. Niemand hat dabei gesagt, dass Vergebung leicht fällt oder Spass ma- chen würde aber wir haben die sichere Zusage, dass sie etwas bewegen und verändern kann. Wo du anderen vergibst, weil du selbst Vergebung erfahren hast, werden Beziehungen tiefer gehen und Freundschaften wachsen. Sei also mutig und vergib anderen, wie dir vergeben ist!

Ein Gastbeitrag von Leonardo Iantorno

Positiver Egoist

Warst du auch schon mal in der Situation, in der du jemandem nicht vergeben wolltest, weil der Typ es schlicht nicht verdient hat? Ich jedenfalls kenne dieses Gefühl. Und weiss eigentlich auch, dass ich mich damit selber belüge. Denn mich selber bestrafe ich damit viel härter, während mein Gegenüber mein Nichtvergeben ja vielleicht nicht mal mitkriegt. Wenn ich nicht vergebe, dann beginnt diese Wut, dieser Frust, dieser Hass mein Herz zu zerfressen. Ich finde es unendlich traurig, älteren Menschen zu begegnen, die keine Lebensfreude, sondern Bitterkeit ausstrahlen, und alle mit ihren negativen Äusserungen eindecken. Auch fällt mir auf, dass bereits schon jüngere Menschen, die ihren Hass nie losgeworden sind, manchmal sehr alt aussehen können. Es geht beim Vergeben gar nicht so sehr um den Anderen und was er getan hat – es geht um mich und mein Herz. Wenn ich es nicht schaffe, all meinen Hass und die negativen Gefühle und Gedanken loszulassen, dann zernagen die mein Herz. Es ist, als wäre mein Lebensschiff in einem Hafen mit seinem Anker in Netzen verstrickt, und das säurehaltige Abwasser einer nahen Fabrik zerfrisst meinen Rumpf. Wenn ich es schaffe, diesen Anker zu kappen, dann kann ich endlich wieder ungehindert losdampfen!

Vergebung ist positiver Egoismus. Wir haben ja gelernt, dass Egoismus schlecht ist. Tatsächlich brauchen wir aber ein gesundes Mass an Egoismus. Wer sich selber völlig aufgibt, weil er nur an andere denkt, kann ebenso krank werden, wie ein Egoist, der nur für sich schaut. Irgendwo dazwischen liegt das gesunde Mittelmass. Gott spricht in der Bibel oft von diesem positiven Egoismus.
• Lukas 6,38: «Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfliessendes Mass wird man in euren Schoss geben; denn eben mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.» In Lukas 4,24 heisst es sogar noch: dazumessen.
• 5. Mose 5,16: «Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der Herr, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir’s wohlgehe.» Ist das nicht eine unglaubliche Aussage? Egal wie viele Fehler deine Eltern auch machen mögen, Gott sagt, wir sollen sie ehren. Wenn du das tust, hat das direkte Auswirkung auf dein Leben. Dazu brauchen wir die Hilfe von Gott … damit wir vergeben können. Wenn uns erst mal bewusst wird, was Gott uns alles vergeben hat, dann fällt es auch leichter, anderen Menschen zu vergeben.
• Matthäus 6,14: «Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.»

Vergebung ist etwas, das unser Herz völlig auffressen kann. Oft vergessen wir, dass wir selbst im Endeffekt die Leidtragenden sind, wenn wir nicht vergeben! Sei ein Egoist und starte diesen positiven Vergebungslifestyle. Vergib anderen Menschen und vergiss dabei nicht, auch dir selbst immer wieder zu vergeben. Das wird dich in deinem Leben freisetzen!

Ein Gastbeitrag von Andreas “Boppi” Bopphart

Wer vergibt wem?

Immer wieder merke ich, dass es beim Thema Vergebung ein Missverständnis gibt. Denn es ist entscheidend zu verstehen, wer eigentlich wem vergibt und Vergebung nötig hat. Kürzlich hat Könu Blaser, Pastor vom ICF Emmental, dies in einer Predigt wunderbar aufgezeigt.

Stell dir vor, dein Nachbar und guter Fernsehabendfreund Müller hat einen Apfelbaum. Dieser Baum steht nahe an deinem Grundstück und du kannst locker von deinem Rasen aus zum Baum greifen und einen Apfel ablesen. Letzten Herbst hat dieser Baum wieder einmal wunderschön Äpfel getragen und du hast dir für die Sonntagnachmittaglektüre im Garten einen gepflückt. Natürlich hast du dir nichts böses dabei gedacht. Was macht es schon, wenn du einmal einen der vielen Äpfel isst, tut doch niemandem weh. Zufällig hat Müller dies von seinem Haus aus beobachtet und entschliesst, dass nun genug Äpfel und Heu unten ist und dreht sich wütend vom Fenster weg. Seit diesem Tag hat sich dein Nachbar nicht mehr für einen gemeinsamen Fernsehabend gemeldet und schaut dir beim grüssen auch nicht mehr in die Augen. Und du fragst dich wieso! Müller hingegen regt sich innerlich auf, anstatt dir seine Wut auszudrücken. Du erfährst eines Tages von Frau Müller, warum denn der Nachbar und Freund plötzlich nur noch Nachbar ist.

Was denkst du, hat diese Geschichte mit Vergebung zu tun?

Natürlich hast du dich nicht richtig verhalten und hast den Nachbarn Müller enttäuscht, denn man nimm nicht einfach von Nachbars Garten die Äpfel. Darum darf Müller wütend sein auf dich. Nur: Wie lange? Wie lange soll Müller wütend sein? Das liegt nun alleine in seiner Hand. Müller kann so lange mit der Wut und Enttäuschung leben, wie er will. Erst wenn er begriffen hat, dass die Freundschaft wiederhergestellt ist, wenn er dir vergeben kann, erst dann wird auch er die Wut ablegen können. Müller muss nicht einfach vergessen, dass er bestohlen wurde. Aber er kann vergeben.

Vergeben und vergessen ist nicht dasselbe! Vergessen bringt keine gründliche Heilung in eine Beziehung. Vergeben ist aber ein Schritt dazu.

Müller hat in der Zwischenzeit übrigens seinen Nachbarn auf den Fehler angesprochen. Dieser zeigte Reue und Müller konnte ihm vergeben. Noch rechtzeitig zur Fussball-WM 2010.

Zu Unrecht

Jesus hing schon am Kreuz. Er wurde geschlagen, gedemüdigt, gefesselt, ans Kreuz genagelt und musste dabei die unerträglichsten Schmerzen auf sich nehmen, welche ein Mensch überhaupt erleben kann. Jesus hing voller Qualen am Kreuz im Sterben. Er wurde von den Menschen verhöhnt und geplagt. Er hatte die besten Gründe, um auf die Menscheit wütend zu sein und seinem Vater zu befehlen, seine Peiniger mit voller Gewalt zu bestrafen. Jesus wurde zu Unrecht zum Tode verurteilt und neben zwei Kriminelle ans Kreuz geschlagen. Er hätte das Recht gehabt, um den Menschen Unglück zu wünschen. Jesus, wie er am Kreuze hing und Schmerzen litt, dachte aber nicht daran. Er hatte keine Bösen Gedanken. Er wünschte niemanden den Tod. Ganz im Gegenteil, er hing am Kreuz, um die Menschen vor dem Tod zu bewahren. Seine Antwort auf die Verspottungen war ganz einfach nur:

Jesus aber sagte: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«
(Lukas 23,34 NGÜ)

Aus der USA erreichen uns immer wieder Nachrichten von Menschen, welche zu Unrecht zum Tode verurteilt wurden und nach vielen Jahren in Haft wieder frei kamen. Diese Menschen warten jahrelang tagtäglich nur noch auf ihre Hinrichtung. In den wohl übelsten Räumlichkeiten und Bedingungen, die Menschen erleben können. Stell dir vor, du bist in so einem Gefängnis, zu Unrecht, und wartest auf dein Ende. Menschen haben dich zu Unrecht verurteilt und wollen dich nicht mehr auf dieser Erde haben. Kannst du dann wie Jesus antworten “Vater, vergib ihnen”?

Mein Respekt gilt den Menschen, welche zu Unrecht Qualen erleiden, verspottet werden und nicht mehr erwünscht sind und trotzdem nicht den Mut und die Lebensfreude verlieren. Und ich bin überzeugt, diese Kraft kommt von ganz weit oben zu uns. Danke an dieser Stelle!

Vergebung trotz Untreue?

„Vergebung trotz Untreue?“  fragt Mandy_0 in einem Forum im Internet. Der Partner ihrer Freundin hat sie mit einer anderen Frau betrogen. Sie fragt sich, ob die Freundin ihrem jetzigen Ex vergeben soll. Eine Antworterin empfiehlt ihr ein „fettes NEIN“, eine andere weiss, dass es „einfacher gesagt als getan“ ist. Warum ist vergeben so schwierig?

Jedem von uns wird bestimmt einmal etwas in unseren Augen Ungerechtes angetan. Sei es, dass dein kleiner Bruder mehr Spielzeug erhalten hat (gut, jüngere Geschwister werden eh immer mit lieber behandelt), sei es dass dich ein Lehrer in der Schule zu Unrecht mit etwas beschuldigt hat oder dass dich der Schiri beim Fussballmatch falsch beurteilt und darum vom Platz gestellt hat. Oder vielleicht hat dir sogar dein Schatz wegen einer anderen oder einem anderen den Laufpass gegeben. In diesen ungerechten Momenten möchtest du bestimmt in einen Wald Bäume anschreien gehen, so stark ist der Schmerz und die Wut über das Erlebte. Tu es. Es hilft. Es hört dich ausser Gott niemand und du tust niemandem weh. Und wenn du den Baum dann zu Boden geschrieen hast ist es an der Zeit dich zu fragen, wie es nun weitergehen soll. Du kannst (und musst vielleicht) die Situation einfach akzeptieren und weiterleben. Gott lehrt uns aber, in diesem Momenten noch weiter zu gehen und nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu vergeben. Und Freundschaften zu erhalten:

Wer über die Fehler anderer hinwegsieht, gewinnt ihre Liebe; wer alte Fehler immer wieder ausgräbt, zerstört jede Freundschaft. (Sprüche 17,9; HFA)

Ja ja, die Bibel macht es uns nicht einfach. Aber Recht hat sie. Vergebung ist der Weg, Freundschaften zu erhalten. Und vor allem um ein glückliches Herz zu gewinnen und zu erhalten. Nachdem du den Baum angeschrien hast wirst du bestimmt immer noch wütend sein über die Person, welche dich verletzt hat. Und Nachtragend. Genau dies raten uns die Sprüche aber abzulegen. Vergeben bedeutet nicht vergessen, aber ablegen.  Vielleicht liest du dies und denkst: Der hat gut reden. So einfach wie der es beschreibt kann es nicht sein. Nein, es ist nicht einfach. Darum bitte Gott um seine Hilfe. Nur wenn uns Gott hilft zu vergeben ist es echt und hilft deinem Herzen.

„Einfacher gesagt als getan“, weiss die Person im Forum. Es ist nicht einfach, darum hol dir Hilfe bei Gott. Er hilft gerne. Und verlangt von uns auch, dass wir vergeben:

Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte: »Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?« –

»Nein«, gab Jesus ihm zur Antwort, »nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!« (Matthäus 18,21-22; NGÜ)

Wenn du siebenundsiebzigmal (für die Fans von Zahlen: 77x) für eine Sünde an dir vergeben hast, dann bist du mit Sicherheit nicht mehr wütend auf die Person (ich habe es zwar noch nie geschafft, jemanden 77 Mal zu vergeben und auch noch mitzuzählen).

Eine Geschichte, die zeigt, wie Emotional und Lebenswichtig vergeben ist, ist die von Corrie ten Boom. Ihre Schwester ist in einem KZ umgebracht worden, Jahre später bittet ein KZ Wächter sie um Vergebung. Sie erlebt und beschreibt den innerlichen Kampf in einer berührenden Art und Weise.

Bei der ganzen Vergebungskiste haben wir uns bisher auf einen Standpunkt beschränkt:

„In meinem Leben habe ich gelernt, viel zu vergeben und mir viel vergeben zu lassen.“ (Otto Fürst von Bismarck)

Wir sind Menschen. Wir machen Fehler (nicht nur in den Schuldiktaten, auch im Leben mit unseren Mitmenschen) und verletzen andere Menschen. Darum sollten wir unseren Blick mal von Aussen auf uns selber richten. Bist du dir bewusst, dass du bestimmt auch schon andere Menschen verletzt hast. Vielleicht bist du der jüngere Bruder, der mehr Spielzeug erhalten hat (ja, ich bin so einer). Vielleicht bist du der Schiedsrichter und hast wirklich einem Spieler zu Unrecht die rote Karte gezeigt. Vielleicht hast deinen Schatz enttäuscht und verletzt, weil du dich in einem anderen Menschen verguckt hast? Wir sind abhängig davon, dass uns unsere Mitmenschen vergeben. Gott weiss, dass wir Menschen Fehler machen und sündigen. Darum ist es ihm so wichtig, dass wir unseren Mitmenschen vergeben, wie er uns mit dem Tod seines Sohnes vergeben hat. Sei dankbar, wenn dir Mitmenschen deine Fehler vergeben und vergiss nie, deinen Freunden zu vergeben und damit die Freundschaft zu erhalten. Martin Luther King bringt es auf den Punkt: Vergebung ist keine einmalige Sache, Vergebung ist ein Lebensstil.

Vergebung trotz Untreue – Text als PDF-Datei

Vergeben befreit – Zitat

Vergebung entlässt einen Gefangenen in die Freiheit, und erst im Rückblick erkennt man, dass man selbst der Gefangene war.

Autor unbekannt.
Danke an Andreas für den Hinweis auf der Facebook-Fanpage

Wenn…

Wenn Wissen unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns ein Universalgenie geschickt. Wenn Technologie unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns einen Technik-Wissenschaftler geschickt. Wenn Geld unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns einen Ökonomen geschickt. Wenn Unterhaltung unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns einen Entertainer geschickt. Aber so, da Vergebung unser größtes Bedürfnis ist, schickte er uns einen Erretter.

Autor unbekannt
Danke an Marion für den Hinweis.

Corrie ten Boom – Den Nazis vergeben

Corrie ten Boom

In der Geschichte des letzten Jahrhunderts entdeckte ich vor kurzem eine Frau, welche dank ihrem ausserordentlichen grossen Herzen und ihrem Glauben mich sehr beeindruckt. Die Holländerin Corrie ten Boom lebte mit ihrer Familie in den Niederlanden. Während der Besetzung ihres Landes durch die Nationalsozialisten versteckte sie in ihrem Haus Juden und rettete ihnen dadurch das Leben. Eineinhalb Jahre ging dies gut, bis sie von einem Kollaborateur in eine Falle gelockt und damit ihre Familie verhaftet wurde. Zusammen mit ihrer Schwester kam Corrie ins KZ Ravensbrück. Corrie überlebte den Qualen der Nazis, ihre Schwester Betsie hingegen nicht.

Nach dem Krieg gründete Corrie Rehabitilationszentren für die Opfer. Sie setzte sich für die Versöhnung der Täter und Opfern ein. In über 60 Ländern predigte sie, meist zum Thema Vergebung. Sie schrieb eine Autobiografie “Die Zuflucht”, welche 1975 verfilmt wurde. In Ihrem Buch beschreibt sie ein Treffen, mit einem ehemaligen KZ Wächter aus Ravensbrück. Diese Geschichte berührt mich immer und immer wieder:

Es war in einer Kirche in München wo ich ihn traf: einen hageren, hellblonden Mann in einem grauen Mantel, in der Hand einen Filzhut fest umklammert. Die Menschen verließen den Raum im Kellergeschoß, in dem ich soeben gesprochen hatte. Langsam gingen sie an den Holzstühlen entlang dem Hinterausgang zu. Es war 1947, und ich war vor kurzem von Holland in das besiegte Deutschland mit der Botschaft gekommen, dass Gott vergibt.

Es war die Botschaft, die in diesem grauen, zerbombten Land am meisten gebraucht wurde, und ich gab ihnen meine Lieblingsillustration. Vielleicht liegt es daran, dass das Meer den Holländern immer sehr nahe liegt, und ich mochte den Gedanken, dass dies der Platz ist, wohin unsere Sünden geworfen werden. »Wenn wir unsere Sünden bekennen«, sagte ich, »wirft Gott sie in den tiefsten Ozean, sie sind für immer verschwunden.«

Die ernsten Gesichter starrten mich an und wagten kaum dies zu glauben. Schweigend standen die Menschen auf, schweigend zogen sie sich ihre Mäntel an, schweigend verließen sie den Raum.

Das war, als ich ihn sah. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Einen Augenblick lang sah ich seinen Mantel und den braunen Hut, im nächsten Augenblick die blaue Uniform und eine Schirmmütze mit dem Totenkopf und den gekreuzten Knochen darauf. Die Erinnerung kam wie ein Blitz: der riesige Raum mit seinem kalten Oberlicht, der traurige Haufen der Kleider und der Schuhe in der Mitte des Fußbodens, eine nackte Schande, an diesem Mann vorbeizulaufen zu müssen. Vor mir konnte ich die zierliche Gestalt meiner Schwester erkennen, die Rippen stachen scharf durch die dünne Haut. Betsie, wie abgemagert du warst.

Betsie und ich waren verhaftet worden, weil wir während der Besatzung Hollands durch die Nazis in unserem Zuhause Juden versteckt hatten. Dieser Mann war Aufseher im Konzentrationslager Ravensbrück gewesen, wo wir hingeschickt wurden.

Nun stand er mit ausgestreckter Hand vor mir: »Eine wunderbare Botschaft, Fräulein. Wie gut zu wissen, dass, wie Sie sagen, all unsere Sünden auf dem Meeresboden liegen.«

Und ich, die so routiniert über Vergebung gesprochen hatte, fummelte in meinem Notizbuch herum, anstatt seine Hand zu ergreifen. Natürlich würde er sich nicht mehr an mich erinnern. Wie könnte er sich überhaupt an einen Gefangenen unter Tausenden von Frauen entsinnen?

Aber ich konnte mich an ihn und die Lederpeitsche erinnern, die an seinem Gürtel hin und her baumelte. Es war das erste Mal seit meiner Befreiung, dass ich mit meinen Häschern von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Mein Blut schien mir in den Adern zu gerinnen.

»Sie haben Ravensbrück in Ihrem Vortrag erwähnt«, sagte er, »ich bin dort Aufseher gewesen.« Nein, er konnte sich wirklich nicht an mich erinnern.

»Aber seit damals,« fuhr er fort, »bin ich Christ geworden. Ich weiß, dass Gott mir meine Gräueltaten von dort vergeben hat. Ich würde es jedoch auch gerne von Ihren Lippen hören. Fräulein,« er streckte seine Hand ein zweites Mal aus, »können Sie mir vergeben?«

Ich stand da – ich, deren Sünden jeden Tag vergeben werden mussten – und konnte es nicht tun. Betsie war an diesem Ort umgekommen – konnte er ihren langsamen, schrecklichen Tod austilgen, nur weil er um Vergebung bat?

Es konnten nicht mehr als ein paar Sekunden vergangen sein, wie er da mit ausgestreckter Hand dastand. Für mich jedoch erschienen sie wie Stunden, während ich einen Kampf mit der schwierigsten Sache hatte, zu der ich mich jemals überwinden musste.

Ich wusste, dass ich es tun musste. Die Botschaft, dass Gott vergibt, hat eine vordringliche Bedingung: dass wir denjenigen vergeben, die uns Schaden zugefügt haben. »Wenn ihr den Menschen ihre Übertretungen nicht vergebt,« sagte Jesus, »wird euch euer himmlischer Vater eure Übertretungen auch nicht vergeben.«

Ich kannte es nicht nur als Gebot Gottes, sondern auch aus tagtäglicher Erfahrung. Seit Kriegsende hatte ich in Holland ein Heim für Opfer der Nazigewaltherrschaft aufgebaut. Wer seinen ehemaligen Feinden zu vergeben vermochte, konnte auch bald wieder in die Außenwelt zurückkehren und sein Leben neu in die Hand nehmen, ganz gleich welche physischen Narben zurückblieben. Diejenigen, die ihre Verbitterung hegten, blieben auch geistig Invalide. So einfach und doch so schrecklich war das.

Ich stand immer noch da mit der Kälte, die mein Herz umklammerte. Vergebung ist jedoch keine Emotion – dies war mir auch klar. Vergebung ist eine Tat des Willens. Der Wille kann tätig sein, egal welche Temperatur das Herz hat. »Jesus, hilf mir!« betete ich leise. »Ich kann meine Hand hochheben. So viel kann ich tun. Du musst die Gefühle dazu geben!«

Also legte ich meine Hand ausdruckslos und mechanisch in die mir ausgestreckte Hand. Während ich dies tat, geschah etwas unglaubliches: ein Strom floss von meiner Schulter aus durch meinen Arm bis hin in unsere vereinten Hände. Diese heilsame Wärme schien völlig durch mich zu strömen und trieb mir die Tränen in die Augen. »Ich vergebe dir, Bruder,« weinte ich, »von ganzem Herzen.«

Für einige Augenblicke hielten wir uns ganz fest: der ehemalige Aufseher und die ehemalige Gefangene. Niemals zuvor hatte ich Gottes Liebe so stark wie in diesem Moment verspürt.

Und weil ich so in dieser schwierigsten Situation gelernt hatte zu vergeben, würde ich gerne sagen können, dass ich damit nie wieder Schwierigkeiten gehabt habe. Ich wünschte sagen zu können, dass seit dieser Begebenheit barmherzige und liebevolle Gedanken ganz selbstverständlich durch mich flossen. Leider war dem nicht so. Wenn es eines gibt, was ich mit meinen 80 Jahren gelernt habe, dann ist es, dass man gute Gefühle und gutes Benehmen nicht bewahren kann – man kann sie sich nur tagtäglich frisch von Gott verschaffen.

Niemand kann über die Vergebung besser erzählen als Corrie ten Boom. Eine beeindruckende Frau, mit einem grossen Herzen und einer mächtigen Portion Mut. Mit einer Geschichte zum immer und immer wieder lesen und staunen.