Archive for the ‘ Persönliche Geschichte ’ Category

Mobbing in der Schule

Alles fing an im zweiten Semester der 7. Klasse. Alle meine Schulkameraden wussten, dass ich bezeugende Christin bin und ich für sein Reich alles geben würde. Immer wieder wollte ich andere mit dem Glauben bekannt machen, investierte mich, mit ihnen Zeit zu verbringen und ihr Leben zu prägen. Meine damals beste Freundin und ich luden zwei Kolleginnen ein, ein Bibelnachmittag mit uns zu verbringen. Leider rutschte ihnen das in den falschen Hals und das Mobben begann.

Meine beste Freundin wurde verschont, da sie eher ein passiver und verschlossener Mensch ist. Da ich aber sehr verletzlich war, und das auch alle wussten, wurde dies ausgenutzt. Ständig wurden mir verachtende Worte zugeworfen und alle meine engen Freunde in der Klasse liessen mich hängen, verrieten mich und hielten dem Gruppendruck nicht stand. In der Jugendgruppe erzählte ich meine Sorgen, meine Verletzungen und fühlte mich verstanden. Jedoch war ein Mitglied unserer Kleingruppe in meiner Klasse und erzählte allen anderen die vertraulichen Sorgen. Somit nahmen die Dinge ihren Lauf. Als ich einmal mit meiner Lehrerin in den Keller musste, um Bücher zu holen, wurde mir meine Agenda aus der Schultasche gestohlen und als ich zurück kam, sah ich was das Ergebnis war. Auf einer der letzten Seiten hatten sie einen Teufel gemalt, oben Himmel und unten Hölle hingeschrieben, wobei Himmel durchgestrichen war. Wissend, das dies der Punkt ist wo sie mich am meisten verletzten konnten, hatten sie Spass zu sehen, wie ich in Tränen ausbrach. Das ging jeden Tag so weiter. Nicht nur meine Klasse mobbte mich, sondern auch viele andere im Schulhaus. Jeden Tag kam ich weinend nach Hause, fühlte mich nicht wohl in meiner Klasse, meine Noten sanken in den Keller und eigentlich wollte ich gar nicht mehr zur Schule. Als meine Eltern das Gespräch mit meinen Klassenlehrern suchten, war für mich eigentlich klar, das ich diese Leute am liebsten nie mehr wieder sehen wollte. Auch auf die Klassenlehrer war ich sauer, da diese sahen, was los war und trotzdem nichts dagegen unternahmen.

Meine Eltern und meine Lehrer entschieden, dass es das Beste sein würde, wenn ich das Schulhaus wechsle. Einverstanden mit dieser Entscheidung, wechselte ich auf die 8.Klasse das Schulhaus. Froh darüber, dass ich in dieser Klasse eine Freundin haben würde, von der ich wusste, dass sie immer hinter mir stehen wird. Alle in der neuen Klasse wussten, wieso ich zu ihnen kam, sprachen dies immer wieder an und einige wenige mobbten mich deswegen oder zogen mich mit dummen Sprüchen über Jesus auf. Als wir dann einmal Sporttag hatten, an dem sowohl das unsere als auch mein altes Schulhaus beteiligt waren, fing die ganze Geschichte von vorne an. Ich wurde im Basketball ständig gefoult, mit vernichtenden Blicken betrachtet oder mit gemeinen Worten aufgezogen. Somit konnte sie mir sogar den Spass an meinem Lieblingssport verderben und ich hockte nur noch draussen und weinte.

Ich merkte selber, dass ich es alleine nicht schaffen würde, den Leuten zu vergeben und ihnen zu begegnen ohne dass ich in Tränen ausbrechen würde. Ich ging ca. ein Jahr lang zu einem Seelsorger, um alles aufzuarbeiten und fähig zu werden meinen ehemaligen Freunden zu vergeben. Glücklicherweise kam ich auch zu diesem Punkt, an dem ich wirklich sagen konnte, dass ich jedem einzelnen vergab. Ich konnte ihnen wieder unter die Augen treten und habe mit ein paar Personen heute wieder ein wenig Kontakt. Es freute mich auch sehr, dass eine Mittäterin ca. zwei Jahre nach der Tat auf mich zukam sich entschuldigte und mich um Vergebung bat! Wow, ich staunte nicht schlecht!

Mit Gottes Hilfe war ich fähig, denn Mitschülern zu vergeben. Immer wieder durfte ich erfahren das Jesaja 40, 29-31 auch für mich Realität ist.

„Er gibt den Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen, aber die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass die wandeln und nicht müde werden.“

Immer wieder durfte ich erfahren, wie mir Jesus neue Kraft gab, wie ich durch ihn das Licht am Ende des Tunnels sah und wie ich durch seine Liebe freigesetzt wurde, den Menschen zu vergeben, die seinen Namen in den Dreck gezogen haben.

Jesaja 59, 1: „ Siehe des Herrn Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könne, und seine  Ohren sind nicht hart geworden, dass er nicht höre.“

Amen, er hat mich erhört, hat mir Kraft gegeben und hat mich durch die schwere Zeit auf seinen Händen getragen.

Sara Langenegger (19)

Vergeben heilt die Familie

Ich war acht Jahre alt, als meine Mutter mit einem neuen Mann nach Hause kam. Mein Vater war schon lange tot, also war das keine Besonderheit für mich, dass Mama Freunde hat. Ich begriff eigentlich auch gar nicht, dass es in diesen Beziehungen um mehr ging als einfache Freundschaft. So war ich immer begeistert, denn diese Männer nahmen sich Zeit für mich, spielten mit mir und Mama war glücklich wenn sie da waren. Aber bei diesem Mann war etwas anders. Denn er blieb. Noch heute ist meine Mutter mit ihm zusammen.

Es folgte eine sehr schwere Zeit für ein kleines Mädchen. Denn es war nicht schön zu erleben, wie die Mutter mehr Zeit für ihren Freund hat als für ihre Tochter. Vielleicht ein Jahr später zog er dann zu uns. Und damit begann der Alptraum meines Lebens.

Vaterlos aufgewachsen war ich gewiss kein Engel und ich konnte meiner Mutter ziemlich auf der Nase herum tanzen. Aber trotz allem war ich eigentlich ein ausgesprochen liebenswürdiges, verspieltes und auch braves Kind. Ich wollte Mama keinen Kummer machen, die seit Papa’s Tod sowieso dauernd traurig war. Nun aber war da dieser Mann, mein Stiefvater, der absolut keine Ahnung von Kindern hatte und selbst ziemlich streng erzogen wurde. Er spielte auch mit mir, aber auf der anderen Seite spürte ich seine Abneigung, seine Ablehnung, etwas, das mir damals noch vollkommen unbekannt war.

Wenn ich nicht gehorchte wurde er sehr böse, er schüttelte mich, stiess mich weg und später schlug er mich auch. Manchmal reichte seine schlechte Laune als Grund vollkommen aus, ich musste gar nichts mehr tun. Meine Mutter schrie nur, dass wir aufhören sollten. Sie ging manchmal dazwischen. Sie schimpfte mit mir, selten mit meinem Stiefvater. Ich aber fühlte mich immer ungeliebter.

Als ich zwölf Jahre alt wurde, zogen wir zusammen in ein Haus. Und meine Mutter fing regelmässig an zu arbeiten. Wenn sie nach Hause kam, war sie gestresst und alles war ihr zu viel. Besonders ihre Tochter, die immer nur Unordnung machte. Mein Stiefvater war deswegen immer sehr ärgerlich auf mich und es kam in diesem Haus zu vielen unschönen Szenen.

Dann, zwei Jahre später, bekam ich zwei Geschwister. In meiner immer noch sehr kindlicher Art freute ich mich darauf, denn ich dachte, dass wir dann endlich eine richtige Familie sein würden. Wenn auch mein Stiefvater richtig Vater war, musste der doch Kinder verstehen lernen, dachte ich. Aber statt besser wurde es tausendmal schlimmer. Wegen der Babys war er die ganze Zeit gestresst und genervt und ich bekam alles ab. Ich hatte schon Angst, wenn ich nur seine Schritte hörte. Ich versteckte mich dann zitternd unter dem Bett. Mama liess uns beide nie alleine zu Hause, wenn sie fort ging, musste ich zu den Grosseltern gehen oder bei einer Freundin übernachten.

Meine Mutter kümmerte sich nicht extrem um mich, aber ich durfte ihr doch mit den Kleinen helfen, meinen zwei wunderbaren Brüdern. Ich sang ihnen stundenlang vor, ging mit ihnen spazieren… Dabei fühlte ich mich als Teil der Familie und ich war glücklich. Doch sobald ihr Freund nach Hause kam musste ich ins Zimmer.

Mit der Zeit spitze sich die Lage nur noch mehr zu. Ich tauchte kaum mehr zu Hause auf, ausser zum Schlafen. Fuhr bis spät abends mit dem Rad draussen herum. Weil ich hatte nach einem heftigen Streit endgültig saumässige Angst vor meinem Stiefvater. Dabei hat er mich ernsthaft verletzt und ich habe mich zum ersten Mal wirklich gewehrt. Ich war 16 Jahre alt und warf mit den Eisenbahnschienen meiner Brüder nach ihm. Wir prügelten uns, bis meine Mutter zu mir schrie: „Hör auf, sonst schlägt er dich tot!“ Da hörte ich auf, meine Mutter schubste mich ins Treppenhaus, verschloss die Haustüre und versteckte den Schlüssel. Heulend und blutend lief ich nach draussen.

Von da an träumte ich jede Nacht, wie mein Stiefvater in mein Zimmer kam um mich umzubringen. Ich war nicht mehr ich selbst, ich hatte solche Angst. Selbst in der Schule fiel es langsam auf, die anderen fanden mich komisch und zogen sich zurück.
Früher hatte ich schon versucht, Erwachsenen zu erzählen, was bei uns zu Hause lief. Aber nie glaubte mir jemand. Nie. Mein Stiefvater war ja solch ein sanfter Mensch, der würde keiner Fliege was zu Leide tun…

Doch dann fand ich zu Jesus. Oder besser gesagt, er fand mich. Denn ich habe ihn nicht gesucht, er ist von alleine gekommen um mich aus dem Dreck zu ziehen.
Ich fand den Mut zur Opferhilfe zu gehen. Ich verzichtete aber auf eine Anzeige gegen meinen Stiefvater, denn ich wollte nicht, dass meine Brüder, die er übrigens nie schlug, auch ohne Vater aufwachsen müssen. Ich kam innerhalb weniger Monate von zu Hause weg, ich hätte schon früher gehen können, aber ich hatte Vertrauen, dass nichts mehr passieren würde.

Auf dem Internat konnte ich anfangen wieder normal zu leben. Und zu meinem Schulabschluss war ich bereit dem Mann, der meine Kindheit zur Hölle werden liess, zu vergeben.
Ich musste noch viel mit Gott zusammen aufschaffen, aber er heilte meine Wunden und er heilte meine Familie. Ich konnte alle Schläge, Abneigung, Hass, Angst und Enttäuschung, die ich erlebt hatte loslassen. Ich war frei und auch meine Mutter und mein Stiefvater konnten die Erlebnisse der letzten Jahre ablegen, auch wenn sie keine Christen wurden.

Es ist krass, was Jesus in dieser Familie geschehen liess. Heute, nur anderthalb Jahre nach meinem Schulabschluss, sind wir endlich die Familie, die ich mir als kleines Mädchen gewünscht habe. Vater, Mutter und wir drei Geschwister. Wir essen zusammen, wir spielen zusammen, wir machen zusammen Ausflüge, wir lachen zusammen, wir feiern zusammen, wir reden zusammen und wir teilen Teile unseres Lebens miteinander. Manchmal weine ich noch vor Rührung darüber, was Vergebung alles bewirken kann! Manchmal, wenn ich sehe, wie schön wir es heute haben, denke ich zurück und erinnere mich und spüre, wie ich Friede darüber habe.

Melinda (21), in einem Mail an den Autor.

Gib eine zweite Chance

Vor einigen Jahren wurde ich anlässlich einer Wahlveranstaltung gefragt, was der Bürger davon habe, wenn ein Gemeinderatspräsident Christ sei. Ich antwortete mit einem Modell, wie ich es aus der Bibel kenne. Dabei werden drei Dinge genannt und ein viertes wie ein Dach darüber gelegt. In meinem Fall erklärte ich, der Bürger dürfe damit rechnen, dass ich die Wahrheit sage (selbst wenn sie gegen mich spricht), dass ich Gerechtigkeit übe (obwohl es die absolute Form kaum gibt) und dass ich mich solidarisch für diejenigen einsetze, die keine Lobby haben. Mein “Dach”: Vergebung. Weil ich Vergebung aus eigener Erfahrung kenne, kann ich jemand eine zweite Chance geben (selbst wenn alle anderen auf ihn einhacken).

Genau dieses Prinzip konnte ich einem Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung gegenüber anwenden. Ich musste ihn zitieren, mit seiner Tat konfrontieren und ihn verpflichten, die Sache zu bereinigen. Aber statt ihn zu entlassen (wie dies gefordert wurde), gab ich ihm auf mein eigenes Risiko hin die Chance, an seinem Arbeitsplatz zu verbleiben. Er wurde einer der besten Mitarbeiter, verhielt sich künftig korrekt und konnte sich einige Zeit später beruflich sogar verbessern. Obwohl man mir gedroht hatte, ich würde nicht wiedergewählt, wurde ich ein Jahr später in stiller Wahl bestätigt.

Walter Donzé, Nationalrat EVP, in einem Mail an den Autor.

Corrie ten Boom – Den Nazis vergeben

Corrie ten Boom

In der Geschichte des letzten Jahrhunderts entdeckte ich vor kurzem eine Frau, welche dank ihrem ausserordentlichen grossen Herzen und ihrem Glauben mich sehr beeindruckt. Die Holländerin Corrie ten Boom lebte mit ihrer Familie in den Niederlanden. Während der Besetzung ihres Landes durch die Nationalsozialisten versteckte sie in ihrem Haus Juden und rettete ihnen dadurch das Leben. Eineinhalb Jahre ging dies gut, bis sie von einem Kollaborateur in eine Falle gelockt und damit ihre Familie verhaftet wurde. Zusammen mit ihrer Schwester kam Corrie ins KZ Ravensbrück. Corrie überlebte den Qualen der Nazis, ihre Schwester Betsie hingegen nicht.

Nach dem Krieg gründete Corrie Rehabitilationszentren für die Opfer. Sie setzte sich für die Versöhnung der Täter und Opfern ein. In über 60 Ländern predigte sie, meist zum Thema Vergebung. Sie schrieb eine Autobiografie “Die Zuflucht”, welche 1975 verfilmt wurde. In Ihrem Buch beschreibt sie ein Treffen, mit einem ehemaligen KZ Wächter aus Ravensbrück. Diese Geschichte berührt mich immer und immer wieder:

Es war in einer Kirche in München wo ich ihn traf: einen hageren, hellblonden Mann in einem grauen Mantel, in der Hand einen Filzhut fest umklammert. Die Menschen verließen den Raum im Kellergeschoß, in dem ich soeben gesprochen hatte. Langsam gingen sie an den Holzstühlen entlang dem Hinterausgang zu. Es war 1947, und ich war vor kurzem von Holland in das besiegte Deutschland mit der Botschaft gekommen, dass Gott vergibt.

Es war die Botschaft, die in diesem grauen, zerbombten Land am meisten gebraucht wurde, und ich gab ihnen meine Lieblingsillustration. Vielleicht liegt es daran, dass das Meer den Holländern immer sehr nahe liegt, und ich mochte den Gedanken, dass dies der Platz ist, wohin unsere Sünden geworfen werden. »Wenn wir unsere Sünden bekennen«, sagte ich, »wirft Gott sie in den tiefsten Ozean, sie sind für immer verschwunden.«

Die ernsten Gesichter starrten mich an und wagten kaum dies zu glauben. Schweigend standen die Menschen auf, schweigend zogen sie sich ihre Mäntel an, schweigend verließen sie den Raum.

Das war, als ich ihn sah. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Einen Augenblick lang sah ich seinen Mantel und den braunen Hut, im nächsten Augenblick die blaue Uniform und eine Schirmmütze mit dem Totenkopf und den gekreuzten Knochen darauf. Die Erinnerung kam wie ein Blitz: der riesige Raum mit seinem kalten Oberlicht, der traurige Haufen der Kleider und der Schuhe in der Mitte des Fußbodens, eine nackte Schande, an diesem Mann vorbeizulaufen zu müssen. Vor mir konnte ich die zierliche Gestalt meiner Schwester erkennen, die Rippen stachen scharf durch die dünne Haut. Betsie, wie abgemagert du warst.

Betsie und ich waren verhaftet worden, weil wir während der Besatzung Hollands durch die Nazis in unserem Zuhause Juden versteckt hatten. Dieser Mann war Aufseher im Konzentrationslager Ravensbrück gewesen, wo wir hingeschickt wurden.

Nun stand er mit ausgestreckter Hand vor mir: »Eine wunderbare Botschaft, Fräulein. Wie gut zu wissen, dass, wie Sie sagen, all unsere Sünden auf dem Meeresboden liegen.«

Und ich, die so routiniert über Vergebung gesprochen hatte, fummelte in meinem Notizbuch herum, anstatt seine Hand zu ergreifen. Natürlich würde er sich nicht mehr an mich erinnern. Wie könnte er sich überhaupt an einen Gefangenen unter Tausenden von Frauen entsinnen?

Aber ich konnte mich an ihn und die Lederpeitsche erinnern, die an seinem Gürtel hin und her baumelte. Es war das erste Mal seit meiner Befreiung, dass ich mit meinen Häschern von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Mein Blut schien mir in den Adern zu gerinnen.

»Sie haben Ravensbrück in Ihrem Vortrag erwähnt«, sagte er, »ich bin dort Aufseher gewesen.« Nein, er konnte sich wirklich nicht an mich erinnern.

»Aber seit damals,« fuhr er fort, »bin ich Christ geworden. Ich weiß, dass Gott mir meine Gräueltaten von dort vergeben hat. Ich würde es jedoch auch gerne von Ihren Lippen hören. Fräulein,« er streckte seine Hand ein zweites Mal aus, »können Sie mir vergeben?«

Ich stand da – ich, deren Sünden jeden Tag vergeben werden mussten – und konnte es nicht tun. Betsie war an diesem Ort umgekommen – konnte er ihren langsamen, schrecklichen Tod austilgen, nur weil er um Vergebung bat?

Es konnten nicht mehr als ein paar Sekunden vergangen sein, wie er da mit ausgestreckter Hand dastand. Für mich jedoch erschienen sie wie Stunden, während ich einen Kampf mit der schwierigsten Sache hatte, zu der ich mich jemals überwinden musste.

Ich wusste, dass ich es tun musste. Die Botschaft, dass Gott vergibt, hat eine vordringliche Bedingung: dass wir denjenigen vergeben, die uns Schaden zugefügt haben. »Wenn ihr den Menschen ihre Übertretungen nicht vergebt,« sagte Jesus, »wird euch euer himmlischer Vater eure Übertretungen auch nicht vergeben.«

Ich kannte es nicht nur als Gebot Gottes, sondern auch aus tagtäglicher Erfahrung. Seit Kriegsende hatte ich in Holland ein Heim für Opfer der Nazigewaltherrschaft aufgebaut. Wer seinen ehemaligen Feinden zu vergeben vermochte, konnte auch bald wieder in die Außenwelt zurückkehren und sein Leben neu in die Hand nehmen, ganz gleich welche physischen Narben zurückblieben. Diejenigen, die ihre Verbitterung hegten, blieben auch geistig Invalide. So einfach und doch so schrecklich war das.

Ich stand immer noch da mit der Kälte, die mein Herz umklammerte. Vergebung ist jedoch keine Emotion – dies war mir auch klar. Vergebung ist eine Tat des Willens. Der Wille kann tätig sein, egal welche Temperatur das Herz hat. »Jesus, hilf mir!« betete ich leise. »Ich kann meine Hand hochheben. So viel kann ich tun. Du musst die Gefühle dazu geben!«

Also legte ich meine Hand ausdruckslos und mechanisch in die mir ausgestreckte Hand. Während ich dies tat, geschah etwas unglaubliches: ein Strom floss von meiner Schulter aus durch meinen Arm bis hin in unsere vereinten Hände. Diese heilsame Wärme schien völlig durch mich zu strömen und trieb mir die Tränen in die Augen. »Ich vergebe dir, Bruder,« weinte ich, »von ganzem Herzen.«

Für einige Augenblicke hielten wir uns ganz fest: der ehemalige Aufseher und die ehemalige Gefangene. Niemals zuvor hatte ich Gottes Liebe so stark wie in diesem Moment verspürt.

Und weil ich so in dieser schwierigsten Situation gelernt hatte zu vergeben, würde ich gerne sagen können, dass ich damit nie wieder Schwierigkeiten gehabt habe. Ich wünschte sagen zu können, dass seit dieser Begebenheit barmherzige und liebevolle Gedanken ganz selbstverständlich durch mich flossen. Leider war dem nicht so. Wenn es eines gibt, was ich mit meinen 80 Jahren gelernt habe, dann ist es, dass man gute Gefühle und gutes Benehmen nicht bewahren kann – man kann sie sich nur tagtäglich frisch von Gott verschaffen.

Niemand kann über die Vergebung besser erzählen als Corrie ten Boom. Eine beeindruckende Frau, mit einem grossen Herzen und einer mächtigen Portion Mut. Mit einer Geschichte zum immer und immer wieder lesen und staunen.

Zweifel nicht an deinen Gaben!

Mit 16 begann ich meine Lehre als Floristin. Ich freute mich riesig auf den meine Ausbildung, denn alles schien perfekt: Das Geschäft, der Beruf sowie das Team – ein Traum. Meinen Chef lernte ich als sympathischen und aufgestellten Menschen kennen. An meinem ersten Arbeitstag hingegen schien er mir gegenüber etwas mürrisch, ich dachte aber darüber nicht weiter nach. Erst später merkte ich, dass dies sein üblicher Gemütszustand war. So verlor mein Traumberuf etwas an Glanz – den Job liebte ich zwar immer noch sehr, das Geschäft und das Team hingegen waren nicht mehr so toll, wie ich es mir vorgestellt hatte. Des Öfteren musste ich Kritik einstecken – fachliche und menschliche Kritik. Die schlechte Laune meines Chefs hielt an. An manchen Tagen war nur sehr wenig nötig – etwa ein kleiner Fehler – und man wurde mit der ganzen Ladung seiner schlechten Laune bombardiert. Meinem Gerechtigkeitssinn wurde das alles zu viel. Ich mag es in keiner Weise, wenn jemand unfair behandelt wird. Natürlich geriet ich mit meinem Chef immer wieder in Konflikt, weil ich mich für die Wahrheit einzusetzen versuchte. Trotz den immer grösser werdenden Problemen mit meinem Lehrplatz beantwortete ich die Fragen anderer, ob es mir gefalle, brav mit Ja. Schliesslich sind Lehrjahre keine Herrenjahre, dachte ich mir. Zuhause wurde mir auch immer gesagt, dass ich halt im Moment unten durch muss, so lang gehe es ja nicht mehr. Ich fand niemanden, der meine Situation verstand! Alle ermutigten mich zum Weitermachen. Einzig in meiner Kleingruppe in der Kirche fand ich Halt. Ohne meine Freundinnen, meine Familie und vor allem ohne Gott hätte ich meine Ausbildung nicht geschafft. Ich fühlte mich häufig innerlich zerbrochen in einem Scherbenhaufen. Natürlich sah das von aussen niemand.

„Du bist eine schlechte Floristin, du hast ein schlechtes Fachwissen. Du schaffst die Prüfung schon, doch würde ich wenn ich dich wäre noch eine zweite Ausbildung anhängen.“ Oft musste ich diese Worte meines Chefs hören und über mich ergehen lassen. Mit der Zeit glaubte ich es ihm auch! Mein Chef hatte zu dieser Zeit eine ziemliche Kraft über mein Leben, über mein Herz und meine Gedanken. Innerlich brodelte ich. Doch aufgeben konnte und vor allem wollte ich nicht. Ich redete mir ein, dass ich diesem Laden eine Aufgabe hätte.

Nach Ende der Lehrzeit arbeitete ich erst mal für eineinhalb Jahre auf einem total anderen Beruf. Dies war für mich eine wunderbare Zeit. Die Wunden konnte es aber nicht heilen. In den zwei Jahren nach Abschluss meiner Ausbildung begegnete ich meinem ehemaligen Vorgesetzten ab und zu wieder. Und er nahm mir die Luft zum atmen. Alle Emotionen drängten sich immer und immer wieder nach oben. Er hatte immer noch so viel Macht in meinem Leben. Er konnte über meine Gefühle bestimmen. Ob ich das wollte oder nicht.

Nach den Erfahrungen in einem anderen Beruf wechselte ich zurück zu den Wurzeln und wurde wieder Floristin. Hier erkannte ich, dass ich immer noch geprägt bin von der Lehrstelle. Doch ich gestand es mir nicht ein. Einfachste Arbeiten liefen häufig schief. Aber ich verstand nicht, warum ich so leichte Dinge nicht begreifen konnte. Ich wurde unzufrieden mit mir selber, glaubte nicht mehr mich und ich gab mich auf. Ich war kurz davor, den Job hinzuschmeissen, ich konnte nicht mehr.

Eines Tages lief bei der Arbeit wieder alles schief. Meine Arbeitskollegin schaute mich verzweifelt an und sagte zu mir: „Ich weiss nicht, was ich mit dir machen soll. Ich versuche alles, aber ich kann es dir einfach nicht richtig erklären. Aber ich weiss das du es kannst!“ Ich traute meinen Ohren nicht. Diese Frau stand vor mir und sprach direkt in mein Herz. Sie sagte mir, dass sie an mich glaube! Nun verstand ich mein Problem: Ich glaubte selber nicht mehr an mich! Mein Selbstvertrauen war gebrochen und verloren. Und endlich wurde mir klar, dass ich es kann. Ich bin kein Niemand. Ich bin jemand. Und ich brauche Hilfe!

Ich traf mich kurze Zeit später mit einer Freundin, um mein Problem anzupacken. Ich erklärte ihr all meine Erlebnisse und Gedanken. Anschliessend beteten wir zusammen. Unter Tränen warf ich all meinen Groll, meine Wut, meine Narben und Wunden vor Jesus Kreuz. In diesem

Moment spürte ich eine wunderbare Wärme und Geborgenheit in meinem Herz. In diesem Moment wurde ich zu einem neuen Mensch. In diesem Moment konnte ich ohne Probleme an meine Vergangenheit zurückdenken. In diesem Moment konnte ich meinem ehemaligen Chef wirklich vergeben.

Seither gehe ich viel gelassener an meine Arbeit. Meistens gelingen mir meine Arbeiten nun auf Anhieb. Einfach so. Und wenn sich mal kleine Zweifel einschleichen, dann denke ich einfach daran, dass Gott mich liebt und mir Talente geschenkt hat. Mit seiner Hilfe werde ich nicht mehr scheitern. Und mit seiner Hilfe habe ich vergeben können. Dank dem, dass ich vergeben habe, bin ich ein neuer Mensch. Das war für mich ein Wunder Gottes.

M. T. 23, in einem Mail an den Autor.